Unsere Klassenzimmer existieren nicht in einem luftleeren Raum. Die Außenwelt ist ständig innerhalb der Schule präsent und tief mit dem Leben unserer Schüler_innen verwoben. Jede_r Schüler_in bringt eine komplexe und vielfältige Lebenserfahrung in den Klassenraum mit, und es liegt in unserer Verantwortung als Lehrkräfte, dafür zu sorgen, dass jede Identität und Lebenserfahrung respektiert, anerkannt und einbezogen wird.

Während Schulen das Potenzial haben, strukturelle Ungleichheiten zu reproduzieren und zu verschärfen, können sie auch Orte unglaublichen Wachstums und Möglichkeiten sein. Mit diesem Leitfaden beleuchten wir alltäglichen Situationen, in denen Lehrkräfte institutionelle Macht im Klassenzimmer innehaben und bieten Vorschläge für Lehrkräfte zur Selbstreflexion und zum Aufbrechen traditioneller Strukturen, Narrative und Praktiken. Wir hoffen, dass dieser Leitfaden zu einer reflektierten und vertieften Auseinandersetzung mit Unterrichtspraktiken führen kann, um den Klassenraum für alle Schüler_innen inklusiv zu gestalten.

In jedem Abschnitt finden Sie ein Beispiel für eventuell schädliche und problematische Situationen, die in der Schule häufig vorkommen (ob absichtlich oder nicht). Anschließend bieten wir Fragen und einige Tipps an, wie Sie diese Situationen in Zukunft angehen können.

Obwohl sich dieser Leitfaden an Lehrkräfte richtet, die in Schulen arbeiten, kann er auch für jede_n nützlich sein, die_der mit jungen Menschen in einer Machtposition arbeitet. Der Leitfaden wurde hauptsächlich im Kontext der Arbeit in Berliner Schulen geschrieben und spiegelt diese Erfahrungen wider. Wir sind uns bewusst, dass es viele Identitäten und Erfahrungen gibt, die vielleicht nicht in diesem Leitfaden reflektiert wurden. Wenn Sie also etwas kommentieren oder hinzufügen möchten, schreiben Sie uns gerne an: info@mitkollektiv.de

Allgemeine Grundsätze für inklusiven Unterricht

  • Lernen Sie Ihre Schüler_innen kennen. (Lernen Sie die Schüler_innen, ihre Interessen, ihre Familien und ihre
    Bedürfnisse kennen. Verbringen Sie bewusst Zeit damit, zu verstehen, mit wem Sie arbeiten!)
  • Hören Sie zu. (Seien Sie offen für Feedback. Hören Sie auf die Expertise, die Erfahrung und das Wissen Ihrer Schüler_innen. Ein Klassenzimmer kann ein gemeinsamer Raum des kollektiven Lernens sein.)
    Recherchieren Sie. (Reflektieren Sie die Lücken in Ihrer Erfahrung und Ihrem Wissen und nehmen Sie sich Zeit,
    um sich über die Geschichte, aktuelle Ereignisse, relevante Fragen oder andere Themen, die Ihre Schüler_innen betreffen, zu informieren.)
  • Erkennen Sie Ihre Vorurteile (Hinterfragen Sie Ihre Reaktionen und Annahmen über die Schüler_innen. Woher
    kommen sie? Ihre impliziten Vorurteile können Ihre Lehrmethoden beeinflussen)
  • Passen Sie den Unterricht an. (Differenzieren Sie für die besonderen Bedürfnisse aller Schüler_innen, wobei
    Sie verstehen, dass Ihre Methoden und Inhalte für alle Schüler_innen zugänglich sein sollten. Ein hoch differenzierter Unterricht kommt allen zugute!)

Klassismus

Beispiele problematischer Situationen

Am Montag bittet ein Lehrer seine Schüler_innen zu beschreiben, was sie in den Ferien gemacht haben.
Einige Schüler_innen berichten über luxuriöse Urlaube in anderen Ländern, während andere Schüler_innen über die Ferien zu Hause geblieben sind. Der Lehrer hat möglicherweise unbeabsichtigt eine Situation geschaffen, in der die Schüler_innen über ihr Leben zu Hause berichten müssen, das möglicherweise nicht der vorherrschenden “Mittelschicht”-Kultur entspricht. Dies kann zu Gefühlen der Scham oder Verlegenheit führen.

Fragen zur Selbstreflexion

  • Welcher sozioökonomischen Klasse gehöre ich an und welche Privilegien gehen damit einher?
  • Welcher sozioökonomischen Klasse(n) gehören meine Schüler_innen an? Welche Privilegien haben sie und welche nicht?
  • Wie kann ich vermeiden, die Schüler_innen in Situationen zu versetzen, in denen sie sich ausgegrenzt fühlen?

Tipps

Die Vergabe von Hausaufgaben kann für viele Schüler_innen, die aus Arbeiterfamilien stammen, eine ungerechte Praxis sein. Wenn Sie Hausaufgaben erteilen, denken Sie an realistische Aufgaben, die die Schüler_innen a) ohne Technik b) selbständig und c) in einem angemessenen Zeitrahmen erledigen können.

Planen Sie Unterrichtsstunden, die kein kulturelles Kapital und keine Ressourcen erfordern, die nicht für alle Schüler_innen zugänglich sind (d.h. wenn Sie möchten, dass die Schüler_innen für eine Unterrichtsstunde ein „historisches Objekt“von zu Hause mitbringen, z.B. ein Foto oder bestimmte Arten von Materialien usw., müssen Sie bedenken, dass nicht alle Schüler_innen Materialien von zu Hause mitbringen können).

Bei gemeinschaftsbildenden Aktivitäten schlagen wir vor, vorsichtig mit Fragen zu sein, die sich auf das Zuhause der Schüler_innen beziehen, darauf, was sie an den Feiertagen gemacht haben, oder auf bestimmte Berufe, die ihre Eltern haben. Stattdessen könnten Sie Ihre Fragen so umformulieren, dass sie inklusiver sind, wie z.B.: „Erzähle uns, wann du dich einmal gelangweilt hast und wann du einmal Spaß in den Ferien hattest!“ oder: „Zeichne deine Lieblingsbeschäftigung!“

Rassismus

Beispiele problematischer Situationen

Eine Lehrerin schickt ständig die gleichen Schüler_innen wegen „Fehlverhaltens“ zur Schulleitung. Sie erkennt nicht an, dass ihre impliziten Vorurteile dazu führen, dass sie BIPOC-Schüler_innen unverhältnismäßig oft diszipliniert. Oder: Ein Lehrer erwartet von Schwarzen Schüler_innen, dass sie Sprecher_innen sind und dem Rest der Klasse ihre Rassismuserfahrungen erklären.

Fragen zur Selbstreflexion

  • Habe ich implizite Vorurteile, die ich ansprechen muss?
  • Wem schenke ich die meiste Aufmerksamkeit? Wem schenke ich keine Aufmerksamkeit?
  • Wen „diszipliniere“ ich am meisten, bzw. bringe ich am Häufigsten in Schwierigkeiten?
  • Habe ich über meine eigene rassistische Positionierung in Bezug auf meine Schüler_innenInnen nachgedacht?
  • Welche Perspektiven biete ich meinen Schüler_innen in meinen Lehrinhalten?

Tipps

Um Rassismus in Ihrer Schule und in Ihrer Klasse zu thematisieren, müssen Sie bei sich selbst und Ihrer eigenen Bildung anfangen. Greifen Sie auf Ressourcen zu, die Ihnen helfen, die Dynamik von Rassismus, Rassismus in der Schule und Ihre eigene rassistische Identität zu verstehen. Versuchen Sie, Vorurteile zu erkennen, die Sie gegenüber Ihren Schüler_innen haben.

Arbeiten Sie mit Kolleg_innen zusammen, um sich zu fragen, wie Rassismus in Ihrer Schule und Ihrem Klassenzimmer funktioniert. Untersuchen Sie die Lehrpläne, Methoden und Disziplinierungspraktiken der Schule. Investieren Sie Zeit, um herauszufinden, wo Rassismus fortbesteht und was Sie gemeinsam tun könnten, um Ihre Schule und Ihre Klassenzimmer gerechter zu gestalten. Es ist auch hilfreich, externe Trainer_innen in Ihre Schule einzuladen.

Vorgeschriebene Lehrpläne und traditionelle Unterrichtsmaterialien sind oft eurozentrisch ausgerichtet.
Planen Sie Ihren Lehrplan bewusst. Verwenden Sie alternative Materialien, die kulturell relevant sind und Ihre Schüler_innen widerspiegeln. Setzen Sie Ressourcen (Bücher, Websites, andere Texte) ein, in denen sich die Schüler_innen wiederfinden können. Beziehungsweise, wenn Sie in einer überwiegend weißen Schule arbeiten, vergewissern Sie sich, dass Ihre Inhalte nicht einfach das weiße, europäisch dominierte Denken verstärken, sondern eine Vielfalt von Perspektiven bieten. (Link zum nicht gewählten Lehrplan)

Körperliche Fähigkeiten/Able-bodiedness

Beispiele problematischer Situationen

Eine Lehrerin plant eine Gruppenaktivität mit viel Bewegung und merkt nicht, dass diese Aktivität für Schüler_innen im Rollstuhl nicht zugänglich ist. Oder: Ein Lehrer entwirft ein Arbeitsblatt mit einer sehr kleinen Schrift, ohne an die visuellen Bedürfnisse einiger Schüler_innen in der Klasse zu denken. Oder: Eine Lehrerin wählt ein Youtube-Video für den Klassenunterricht aus. Es hat keine Option für Untertitel (was eigentlich allen Schüler_innen zugute kommen könnte). 

Fragen zur Selbstreflexion

  • Wie kann ich sicherstellen, dass der Klassenraum, meine Unterrichtsinhalte und meine pädagogischen Praktiken für alle Schüler_innen zugänglich sind?
  • Wie kann ich dafür sorgen, dass ich nicht nur an die spezifischen Anpassungspläne der Schüler_innen denke,sondern auch an die unterschiedlichen Lernbedürfnisse aller meiner Schüler_innen?
  • Wie kann ich sicherstellen, dass ich nicht einzelne Schüler_innen aussondere?

Tipps

Stellen Sie sicher, dass Sie die Anpassungspläne der Schüler_innen kennen und bewahren Sie diese Informationen in Ihrer Nähe auf.
Nehmen Sie Kontakt zur Familie der Schüler_innen auf und eröffnen Sie die Kommunikation mit ihr. Es wird helfen, die Bedürfnisse der Schüler_innen aus der Perspektive der Familie zu verstehen.
Denken Sie daran, dass Schüler_innen mit Behinderungen nicht dafür verantwortlich sind, ihre spezifischen Bedürfnisse Ihnen gegenüber zu artikulieren. Es liegt in Ihrer Verantwortung als Lehrkraft, für barrierefreie Inhalte und Methoden in Ihrem Unterricht zu sorgen.

In der täglichen Unterrichtspraxis:

Stellen Sie sicher, dass Ihr Sitzplan für verschiedene Lernende zugänglich ist. Ist die Position des Tisches geeignet? Können die Schüler_innen die Tafel sehen? Sind sie in der Nähe von Partner_inne, die sie sozial und lerntechnisch unterstützen könnten? Achten Sie schließlich darauf, dass alle Videos, die Sie im Unterricht zeigen, mit Untertiteln versehen sind.

Geschlecht/ Gender

Beispiele problematischer Situationen

Im Sportunterricht stellt der Lehrer für ein Spiel „Jungen- gegen Mädchenmannschaften“ auf. Im Klassenraum hat die Lehrerin Aufgaben verteilt, die Geschlechterstereotypen verstärken (Mädchen sollen den Boden fegen, während Jungen bei der Technik helfen). In den meisten Schulen gibt es keine weit verbreiteten geschlechtsneutralen Toiletten.

Fragen zur Selbstreflexion

  • Wie kann ich eine geschlechtergerechte Sprache in meiner täglichen Praxis verwenden?
  • Wie kann ich sicherstellen, dass Aktivitäten oder Unterricht im Klassenzimmer keine geschlechtsspezifische
    Binarität verstärken?
  • Gibt es bestimmte Stimmen, die in meiner Klasse nicht gehört werden? Was kann ich tun, um das zu ändern?
  • Wird dieses Thema einen unsicheren Raum für bestimmte Schüler_innen in meiner Klasse aufmachen?

Tipps

Wenn Sie Gruppen oder Teams für Aktivitäten bilden, verwenden Sie andere Formulierungen oder Qualifizierungen (z. B. Team Rotes Hemd versus Team Blaues Hemd! Oder Leute, die Äpfel mögen und Leute, die Orangen mögen!)
Achten Sie darauf, dass Sie die korrekten Pronomen Ihrer Schüler_innen verwenden (sprechen Sie mit ihnen darüber und zeigen Sie ihnen einen respektvollen Umgang damit).
Normalisieren Sie die Verwendung geschlechtsneutraler Sprache in der Klasse und unterbrechen Sie geschlechtsspezifische Sprache oder Stereotypen, wenn Sie diese in der Klasse hören (stellen Sie sicher, dass Sie dies auch besprechen).
Ermutigen Sie die Schüler_innen dazu, über Repräsentation in Schulmaterialien, Lehrbüchern usw. nachzudenken.

Familie

Beispiele problematischer Situationen

Ein Lehrer führt eine Kunstaktivität ein, um Karten für den Vatertag zu gestalten. Viele Schüler_innen der  Klasse haben abwesende Väter, einige kennen ihre Väter nicht, bzw. einige haben einfach keinen Vater als Elternteil. Dies kann ein auslösendes Thema sein. Auch Bilderbücher stellen ein eher heteronormatives Kernfamilienleben dar. Dies ist nicht repräsentativ der vielen Arten, wie Familien aussehen können.

Fragen zur Selbstreflexion

  • Welche Arten von Familien stelle ich in meinen Unterrichtsmaterialien/Büchern dar, die ich meiner Klasse vorlese?
  • Verstärke ich traditionelle Vorstellungen davon, was “Familie” sein sollte? Wenn ja, was kann ich tun, um dieses Muster zu unterbrechen?
  • Habe ich Annahmen über bestimmte Familien in meiner Klasse, besonders wenn sie sich von meiner eigenen Familie unterscheiden?

Tipps

Stellen Sie sicher, dass Sie zu Beginn des Schuljahres mit den Familien der Schüler_innen Kontakt aufnehmen.
Ihr erster Kontakt mit den Eltern sollte positives Feedback beinhalten — nicht einen negativen Bericht über das Verhalten des_der Schüler_in. Das Verständnis der täglichen Dynamik und der Aufbau von Beziehungen zu den Familien ist absolut entscheidend für die Schaffung einer starken Klassengemeinschaft. Je mehr Sie eine Familie verstehen, desto besser können Sie die Schüler_innen unterstützen.

Ehren Sie die vielen verschiedenen Arten von Familien, die es gibt! (Pflege-, Adoptiv-, LQBTQIA*-, Wahl-, Poly-, Alleinerziehende-, Stiefeltern-, Mehrgenerationen-Familien usw…)

Denken Sie daran, eine inklusive Sprache zu verwenden, im Gegensatz zu „Mütter und Väter“ oder „Brüder und Schwestern“. Einige Alternativen sind: Geschwister, Elternteil(e), Betreuer_innen oder Vormund)

Das Thematisieren aktueller Ereignissen

Beispiele problematischer Situationen

Eine Lehrerin in Deutschland wird von der Schulleitung gebeten, eine Schweigeminute zum Gedenken an den Lehrer in Frankreich abzuhalten, der geköpft wurde, nachdem er seiner Klasse Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. (Währenddessen wurde keine Schweigeminute für die Opfer von Hanau abgehalten).
Indem die Lehrerin diese Anweisungen befolgte und die Situation nicht problematisierte, hat sie nicht darüber nachgedacht, wie dieser Moment antimuslimische Narrative in Europa anheizen und verstärken könnte. In diesem Fall könnten sich muslimische Schüler_innen in der Klasse aufgrund verschiedener Aspekte ihrer Identität angegriffen fühlen.

Fragen zur Selbstreflexion

  • Wenn ich ein aktuelles Ereignis anspreche, wird dieses Thema einen unsicheren Raum für bestimmte Schüler_innen in meiner Klasse schaffen? (z.B. werden dadurch BIPOC, LGBTQIA*-Schüler_innen herausgehoben?)
  • Habe ich genug Hintergrundwissen zu diesem Thema/ habe ich genug recherchiert, so dass ich keine schädlichen Narrative aufrechterhalten werde?
  • Habe ich das Handwerkszeug, um eine nuancierte Diskussion zu diesem Thema zu ermöglichen?
  • Kann ich eine_n Expert_in einladen, um über das Thema aus ihrer_seiner Perspektive zu sprechen? 

Tipps

„Aktuelle“ Ereignisse geschehen ständig um uns herum – seien sie überraschend, tragisch, faszinierend, beunruhigend, nervenaufreibend usw.. Achten Sie beim Besprechen von Ereignissen darauf, dass Sie auch Raum für emotionale Reaktionen in Ihrer Klassengemeinschaft schaffen. Es sollte eine Grundlage von gegenseitigem Respekt und Normen in Ihrer Klasse bestehen, bevor Sie schwere Themen ansprechen, die möglicherweise einzelne Schüler_innen ausgrenzen könnten. Üben Sie die Verwendung von Ich-Aussagen und sprechen Sie für sich selbst und nicht für andere. 

Wenn Sie ein komplexes Thema ansprechen, das mit Begriffen wie Rassismus, Klassismus, Kolonialismus usw. verbunden ist, recherchieren Sie und kommen Sie vorbereitet. Vergewissern Sie sich, dass das Thema, das Sie ansprechen, nicht aus heiterem Himmel kommt. Identifizieren Sie Schlüsselbegriffe; stellen Sie sicher, dass ein Hintergrundwissen sich allmählich aufgebaut hat, bevor Sie ein Thema einführen. Wenn Sie unvorbereitet sind, könnten Sie ungewollt zu Missverständnissen bei den Schüler_innen führen. Denken Sie auch daran, dass Ihr Interesse an einem Thema nicht garantiert, dass die Situation für alle im Raum sicher ist (sie könnte sogar schädlich sein).

Links zu weiteren Ressourcen

I-PÄD (Initiative intersektionale Pädagogik) Materialien & Downloads

Über Familie

LQBTGIA* -inklusive Klassenzimmer

Ressourcen für nicht-hierarchische Klassenzimmer (Bildung für soziale Gerechtigkeit)

Differenzierung 

Rassismus

Fortbildungen für Lehrkräfte: